Kölner Karneval – Hey Kölle, do bes e Jeföhl!

+++Triggerwarnung+++ Der folgende Text befasst sich unter anderem mit Rassismus und Sexismus in Form von verbaler und körperlicher Gewalt.

Die Stadt Köln rühmt sich immer wieder mit ihrer Weltoffenheit und Toleranz. Diese Motive tauchen auch im Kölner Karneval auf. An dieser Stelle wollen wir das Karnevalsgeschehen kritisch kommentieren. Hierzu erfolgt eine kurze historische Einordnung des Kölner Karnevals in die Zeit des Nationalsozialismus. Anschließend wird auf immer wiederkehrende Probleme im Straßenkarneval hingewiesen. Seien es sexuelle Übergriffe oder rassistische Kostüme. Das alles gilt es zu kritisieren und zu bekämpfen.

“Hurra”, rief ein Redner, “mer wäde jetz die Jüdde loß, die ganze koschere Band trick nohm gelobte Land. Mir laachen uns für Freud noch halv kapott.”
(Hurra – wir werden jetzt die Juden los, die ganze koschere Bande schleicht ins gelobte Land. Wir lachen uns vor Freude noch halb kaputt.)
Bild eines Motivwagens damals.

Bis vor wenigen Jahren setzten sich die Stadt Köln und ihre Karnevalsjeck_innen überhaupt nicht mit der NS-Vergangenheit des Kölner Karnevals auseinander. Im Gegenteil: es wurde ein Mhytos aufgebaut, nach dem sich der Kölner Karneval zumindest passiv gegen die Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Ideologie widersetzt hätte. Teilweise wurden Akten vernichtet, die den Karneval während des NS dokumentierten. Der Narrativ der sogenannten “Narrenrevolte” beinhaltet lediglich die Bitte an den zuständigen Gauleiter Josef Grohé den Karneval zu erhalten. Die Hilfe Grohés dankten die Kölner_innen mit staatstreuer Propaganda. So gab es immer wieder antisemitische Motivwägen und NS-Propaganda. Prunksitzungen zum Beispiel begannen mit dem Horst-Wessel-Lied und auch sonst lief der Karneval stark nach den Vorstellungen von Gauleiter Josef Grohé ab. Selbst die auch heute noch groß gefeierte “Prinzenproklamation” (Die Bekanntgabe des Dreigestirns) hat seine Wurzeln im NS.

“Die Leute kommen beim Anblick eines Clowns ja auch nicht auf die Idee, dass das Charlie Rivel, Grock oder die Fratellinis beleidigen könnte.” – Peter Berger (Poller Böschräuber vun 1976)

Rassistische Aspekte finden sich auch heute noch im Kölner Karneval wieder. So gibt es die Tradition der N***rköpp bei der sich Karnevalist_innen mit Afrofrisur und dunkler Farbe im Gesicht als “primitive” Schwarze verkleiden. Es gibt einige Karnevalsvereine, die diese Tradition im Namen tragen. So die “Original N***rköpp vun 1929 e.V.” und die “Höhenberger Dschungel-N***r”. Diese Praxis hat ihre Wurzeln im verdrängten Kolonialismus und wurde 2012 vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger kritisiert. Was fällt dem journalistisch scharfsinnigen Kölner Stadtanzeiger dazu ein? Er lässt weiße Karnevalist_innen erklären, dass das ja alles nicht so schlimm sei und dass man nicht alles so ernst nehmen solle. Josef Berger von den Höhenbergern erklärt gar: “Unsere Gruppe gibt es seit 1967. Damals gab es noch gar keine Diskriminierung.” Eine Namensänderung lediglich zugunsten der schwarzen Menschen in Deutschland geht ihnen anscheinend zu weit. Den Artikel des KSTA ziert eine Galerie von Jeck_innen in entsprechend rassistischen Kostümen. Das Blackfacing, bei dem sich weiße Personen das Gesicht schwarz anmalen, hat nicht nur im Karneval Tradition. Sowohl im Fernsehen als auch im Theater findet es immer wieder statt. Der Reflex der Kritisierten ähnelt sich häufig. Sie berufen sich auf Tradition, Kontinuität und Ignoranz. Deutsche Werte, Alaaf!

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Ein weiterer zu kritisierender Punkt im Karneval ist Sexismus. Drei von fünf Frauen erleben in Deutschland sexuelle Belästigung.* Im Karneval sowie bei vergleichbaren Großveranstaltung ist die Zahl sexueller Übergriffe besonders groß. Das Kostüm, der Alkohol, die vermeintlich fröhliche Stimmung, all das enthemmt Täter. So wird mal schnell ein Knutscher aufgedrückt, an den Hintern gelangt oder der Rock hochgezogen. Leider richten sich viele Vorwürfe an die Betroffenen. Das Problem ist jedoch nicht der kurze Rock, die Frau, die allein heim gelaufen ist oder viel getrunken hat. Das Problem sind die Täter, die sich über das Nein oder die fehlende Zustimmung der Frau hinwegsetzen, die Täter, die Frauen mit KO-Tropfen betäuben, abfüllen oder auf sie einreden um sexuelle Handlungen an ihnen durchzuführen.
Demgegenüber steht die Kampagne “I frog di” (Ich frag dich) aus München, die sich mit der Problematik rund um das Oktoberfest beschäftigt. Sie hat die Täter zum Ziel der Präventivarbeit gemacht und nicht die Frauen, die das Fest besuchen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Kampagne KonsensKarneval aus Köln.
Zudem spiegeln sich patriarchale Wirkmechanismen in billgstem Sexismus schon in Form der angebotenen Karnevalskostüme wieder. Ein Kostüm Polizistin, Krankenschwester oder Nonne wird sich schwerlich finden, wohl aber das Kostüm “heiße Polizistin”, “sexy Krankenschwester” und “betörende Nonne”. Auch die sogenannten Herrensitzungen strotzen nur so von frauenfeindlichen Herrenwitzen und sexistischen Showeinlagen.

Gegen das Verdrängen und Verfälschen der Geschichte des Kölner Karnevals im Nationalsozialismus!
Gegen rassistische Traditionen und kolonialistische Bräuche!
Gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt!

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*Uns ist bewusst, dass es Frauen gibt, die übergriffig werden und sexuelle Gewalt ausüben. In diesem Textabschnitt haben wir uns aber bewusst dagegen entschieden zu gendern, um die von Männern ausgeführte Gewalt und die vorherrschende patriarchale Ordnung dadurch nicht zu verharmlosen. Studien belegen, dass “sexuelle Gewalt bis zu 99 Prozent von Männern verübt wird” und in 97% der Fälle sexuelle Belästigung von eben jenen ausgeht. Inwiefern queere Menschen sexuelle Gewalt erleben bzw. durchführen lässt sich den binärsystematisch aufgestellten Studien nicht entnehmen.

Rassistischer Konsens? – Das hier sind doch nicht die 90er

“Stadt xy bleibt bunt!” oder “Kein Rassismus hier bei uns” wurde in den letzten Wochen in vielen Städten der Bundesrepublik, im Zusammenhang von Demonstrationen gegen die rassistischen Bürger_innenbewegungen wie Pegida und Co, auf Transparenten und Plakaten hochgehalten. Zehntausende beteiligten sich an diesen Gegenprotesten. Bei diesem zivilgesellschaftlichen Engagament, könnte schnell die Vermutung aufkommen, der rassistische Normalzustand in der Bundesrepublik Deutschland sei gebrochen. Dennoch gab und gibt es in der jüngeren Vergangenheit Vorfälle, die an das Klima Anfang der 90er Jahre erinnern. Laut einer Dokumentation der Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl gab es im Jahr 2014 153 Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte und es kam in 77 Fällen zu Angriffen auf Geflüchtete. Seien es die Proteste gegen Geflüchtete in Schneeberg, Proteste und Angriffe gegen die Geflüchtetenunterkunft in Berlin Marzahn-Hellersdorf, Angriffe auf das von Roma bewohnte Haus “In den Peschen” in Duisburg oder immer wiederkehrende rassistische Angriffe und Anfeidungen auf Einzelpersonen. Diese Vorfälle erinnern an den Tatendrang des deutschen Mobs Anfang der 90er Jahre. Der damals wiedererstarkende deutsche Nationalismus zeigte seine Wirkungen in den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, den Brandanschlägen in Mölln und Solingen und der daraus resultierenden faktischen Abschaffung des Asylrechts.

Nicht nur deshalb kann auch heute von einem gesellschaftlichen Rassismus gesprochen werden. Gerade in Deutschland, einem postnazistischen Staat, ist ein Machtverhältnis erkennbar, welches sich besonders in Zeiten ökonomischer Unsicherheiten zuspitzt, formiert und unter dem Deckmantel von bürgerlichen Bewegungen manifestiert.
Beispielsweise bei dem Kampf um Ressourcen, wie Wohnraum und Arbeit, wird schnell behauptet, dass “Zugewanderte” oder als nicht-deutsch Wahrgenommene weniger Anrecht auf eben diese Ressourcen hätten, falls ihnen die Partizipation staatlicherseits nicht ohnehin schon erschwert oder gar verwehrt wird. Mit dem Verweis auf kulturelle Unterschiede wird häufig versucht offen nazistische und rassistische Ressentiments zu verbergen. Die Behauptung Roma würden das mit dem Müll nicht kennen oder Muslima mit Kopftuch würden nicht ins offene Stadtbild passen, sind Teil dieses Problems. Basis hierfür ist eine Konstruktion von „wir“ und „die“, die dazu dient genannte Machtverhältnisse mit Bezug auf kulturelle oder biologische Aspekte zu legitimieren. Nicht selten wird dieses Konstrukt in Zusammenhang mit der Nation verwendet. Dass es selbst innerhalb dieser Konstrukte Widersprüche gibt, eine Homogenisierung in diese Richtung also gar nicht möglich ist, wird zugunsten der Volksseele außer Acht gelassen.

Immer mehr Teile der Gesellschaft suchen nach Krisenlösungsstrategien, die nicht selten auf autoritäre Weise auf die Kosten von Geflüchteten, Migrant*innen und zum Beispiel Muslim_innen gehen. So treffen sich in Dresden und Leipzig einmal in der Woche tausende “besorgte Bürger_innen” und so werden tagtäglich Moscheen und Synagogen beschmiert. Laut Report Mainz hat sich die Zahl rassistischer Angriffe um 130 Prozent vergrößert, seit dem die Pegida Bewegung startete. Zudem bricht der Rassismus immer wieder in den Kommentarspalten des Internets aus. Beschimpfungen und Vernichtungsdrohungen sind an der Tagesordnung.

Dafür, dass in Europa an den Küsten jedes Jahr tausende von Menschen sterben und dass an deutschen Bahnhöfen und Flughäfen rassistische Polizeikontrollen auf der Agenda stehen, hält sich das Mitgefühl der deutschen angeblich antirassistischen Zivilgesellschaft in Grenzen. Und nur weil einige Leute nun ihr „buntes, weltoffenes Deutschland“ verteidigen, möchten wir nicht von antirassistischem Engagement sprechen. Auch eine radikale Linke als dessen Teil wir uns sehen, hat hier noch einiges zu tun.
Rassismus ist ein strukturelles Problem und als Teil des kapitalistischen Systems zu verstehen. Jedoch wird er auch nicht automatisch mit der Aufhebung dessen beendet. In allen gesellschaftlichen Bereichen und Institutionen ist Rassismus allgegenwärtig. Er wird vom Großteil der deutschen Zivilgesellschaft mitgetragen. Es ist lediglich einfacher Pegida & Co als Rassist_innen zu enttarnen, als die eigene Rolle im Zusammenspiel von Staat und Nation und den damit verbundenen Privilegien und Diskriminierungen zu hinterfragen.

Gegen Deutschland!
Gegen die Heimat!

Gegen die Heimat